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Berlinale-Film endlich im Kino: „Bad Tales“ zeigt die Abgründe der italienischen Mittelschicht – Kultur

Selbst die neusten Seifenprodukte seines Arbeitgebers verwandelt Pietro Rosa (Max Malatesta) in Futter für sein Ego. Bei einem Grillabend in der Reihenhauseinöde im Umland von Rom posaunt er sein Selbstbewusstsein heraus. Nachbar Bruno Placido (Elio Germano) kann seine Wut kaum unterdrücken. Um von der eigenen Frustration abzulenken, sollen seine Kinder, die das Essen mit gesenktem Blick über sich ergehen lassen, antreten und die Bestnoten aus ihren Zeugnissen vorlesen. „Was folgt, ist inspiriert von einer wahren Geschichte“, erklärt eine Texttafel. „ Die wahre Geschichte ist von einer falschen Geschichte inspiriert. Die falsche Geschichte ist nicht sehr inspiriert.“

„Bad Tales (Favolacce)“ von den Zwillingsbrüdern Damiano und Fabio D’Innocenzo zeigt die Abgründe der italienischen Mittelschicht in von der Sommersonne sepiagetönten Oberflächenbildern. Mit einer Mischung aus Neid, Missgunst und Frustration machen sich alle gegenseitig das Leben zur Hölle. Für Brunos Kinder Dennis und Alessia ist der friedlichste Moment beim Ausflug an den Strand der, den sie mit angehaltener Luft zwischen den Planschenden unter Wasser verbringen.

[In Il Kino, Klick, Sputnik (OmU)]

Als die Placidos einen aufblasbaren Pool kaufen, holt Pietro freundlich dankend seine Tochter Viola ab – und wütet danach zuhause minutenlang gegen die „kommunistischen Zecken“. Bei einer Überraschungsparty für Tochter Viola stehen Pietro und Bruno am Fenster und pflegen beim Beobachten einer Nachbarin ihre Vergewaltigungsfantasien. Währenddessen scrollt Dennis Freundin Ada vergnügt auf dem Handy ihres Vaters durch eine Browserhistory randvoll mit Pornos. Den D’Innocenzos ist mit „Bad Tales“ ein treffendes Porträt jener homophoben, sexistischen, rassistischen, faschistoiden unteren Mittelschicht gelungen, die die italienische Politik seit Jahren von den Rändern her prägt.

Es zieht sich ein Graben zwischen die Welt der Kinder und die Welt der Erwachsenen. Bedauerlicherweise ist dieser nicht tief genug, um zu verhindern, dass die Welt der Erwachsenen in die der Kinder übergreift. Der ehemalige Frauenheld Amelio ist als einziger zu einer wirklich liebevollen Beziehung zu seinem Sohn in der Lage.


Damiano und Fabio D’Innocenzo, Jahrgang 1988, wuchsen im Umland von Rom auf, 2018 lief ihr erster Film „La terra dell’abbastanza“ im Panorama der Berlinale: eine tragische Geschichte zweier Jungs, die einen tödlichen Autounfall zu ihrem persönlichen Vorteil ausschlachten und sich einem lokalen Mafiaclan andienen. Eine Entscheidung, die keiner der beiden überleben wird.

Noch bevor die Brüder in Richtung Film gingen, entstanden eine Reihe von Erzählungen und Gedichten. Schon damals hatten sie die Idee zu „Bad Tales“, wie sie dem Onlinemagazin „Uzak“ erzählten. Nach dem Silbernen Bären für „Bad Tales“ auf der Berlinale 2020 verhagelte die Pandemie ihnen den Kinostart in Italien. Am Eröffnungstag spielte der Film landesweit ganze 819 Euro ein. Die Versuchung war dennoch groß, gleich den nächsten Film hinterher zu schieben. Anfang 2021 drehten die D’Innocenzos ihren dritten Langfilm „America Latina“, der kürzlich im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig lief.

Der Druck ist groß, aus den Brüdern eine Marke zu machen, ähnlich wie dies Marco und Antonio Manetti gelungen ist, die sich mit einer Reihe von Genrefilmen und Videoclips seit den 1990er Jahren einen Namen gemacht haben. „Bad Tales“ zeigt das Potential von Damiano und Fabio D’Innocenzo auf, die ihre Geschichte, wie sie sagen, aus einem viel zu dialoglastigen Drehbuch herausschälten. Herausgekommen ist ein vielschichtiger Film, der sein großes Figurentableau souverän inszeniert. Eine der größten Stärken besteht darin, dass er seine Gegenwartsrelevanz nie zu sehr ausstellt. Es steht zu hoffen, dass sich die Brüder auf diese Stärken besinnen können.

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