HomeKulturBelästigung, Sorgearbeit, Körperscham: Warum die Erschöpfung der Frauen ein gesellschaftliches Problem ist...

Belästigung, Sorgearbeit, Körperscham: Warum die Erschöpfung der Frauen ein gesellschaftliches Problem ist – Kultur

Diese Situation kennt fast jede Frau: Sie sitzt im Bus oder läuft auf der Straße. Ein Mann spricht sie an, macht ihr Komplimente, wird vielleicht aufdringlich. Sofort geht der Gedankenstrom los: Wie gefährlich ist die Situation? Ist der Mann harmlos oder potenziell gewalttätig? Sind andere Menschen in der Umgebung, die eingreifen könnten? Von vielen Faktoren ist abhängig, wie die Frau reagiert: abweisend kühl oder sich mit gequältem Lächeln auf den Smalltalk einlassend, damit der Mann nicht aggressiv wird.

Einer repräsentativen Studie der Hochschule Merseburg aus dem Februar 2021 zufolge haben 97 Prozent aller Frauen Formen sexueller Belästigung erlebt oder sich schon mal belästigt gefühlt, angefangen mit anzüglichen Bemerkungen. Sich als Frau im öffentlichen Raum zu bewegen, bedeutet ein ständiges Abwägen. Arbeit, die Männer in der Regel nicht haben. Und die erschöpfend ist.

Das Buch könnte zeitgemäßer nicht sein

Diese Mehrbelastung ist nur eines von vielen Beispielen, das Franziska Schutzbach in ihrem Buch „Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit“ anführt. In sieben Essays beschäftigt sich die Schweizer Geschlechterforscherin und Soziologin mit der Frage, warum so viele Frauen so erschöpft sind – und was sich politisch aus diesem Gefühl ableiten lässt. Sie habe sich bereits 2008 mit dem Thema beschäftigen wollen, schreibt Schutzbach in der Einleitung. Doch sie schrieb gerade an ihrer Doktorarbeit und betreute zwei kleine Kinder. Sie war zu erschöpft.

Dass sie es jetzt doch noch geschafft hat, ist ein Glück. Schutzbach führt in ihrem Buch aktuelle Diskurse der feministischen Theorie zusammen zu einem eindrücklichen Überblick darüber, in welchen Bereichen Frauen überall zusätzliche Arbeit leisten müssen. Neben dem Abwehren sexueller Belästigung im öffentlichen Raum geht es etwa um Mutterschaft, Körperscham und die emotionale Verausgabung im Beruf. Schutzbachs Buch könnte zeitgemäßer nicht sein, hat doch die Pandemie ein Licht auf die noch immer bestehende Ungleichheit geworfen.

Demo beim Frauentag am 8. März.Foto: picture alliance/dpa

Bei einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsunternehmen Ipsos im Auftrag der Bertelsmann Stiftung aus dem Dezember 2020 gaben 69 Prozent der Frauen an, dass sie die generelle Hausarbeit erledigen, unter den Männern waren es elf Prozent. Ähnlich verhält es sich bei der Kinderbetreuung und beim Homeschooling. Und während 66 Prozent der Männer angaben, dass Kinderbetreuung und Hausarbeit gerecht aufgeteilt seien, war es unter den Frauen nicht einmal jede zweite Befragte.

Erschöpfung ist nicht individuell begründet

Diese Probleme sind natürlich keineswegs neu, sondern durch die derzeitige Situation lediglich verschärft worden. Frauen sind heute nicht mehr nur Hausfrauen und Mütter, sie haben Karrieren, spannende Hobbies, ein erfülltes Liebesleben. Haus- und Sorgearbeit sind durch diese neuen Ansprüche aber keinesfalls weniger geworden. „Eine junge Frau kann alles, soll aber auch alles“, schreibt Franziska Schutzbach. Und bezieht sich auf die Politologin Katharina Debus, die in diesem Zusammenhang von der „Allzuständigkeit der Frau“ spricht.

Ziel von Schutzbachs Buch ist es darzulegen, dass Gefühle der Erschöpfung keineswegs individuell, sondern gesellschaftlich und wirtschaftlich begründet sind. Dafür bringt sie zahlreiche Beispiele aus der soziologischen und psychologischen Forschung an und zitiert feministische Theoretikerinnen wie Angela McRobbie, Nancy Fraser oder Sara Ahmed. Trotz dieser teilweise herausfordernden theoretischen Grundlage ist ihr Buch leicht verständlich – und intersektional: Immer wieder betont Schutzbach die Mehrbelastung, der Frauen of Colour oder trans Frauen ausgesetzt sind.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die ungerechte Aufteilung von Sorge- und Emotionsarbeit auf die mentale Verfassung von Frauen auswirkt. Dabei geht es natürlich auch um Mutterschaft, die Schutzbach als „entgrenzt und entgrenzend“ beschreibt, bestimmt von einer „radikalen Pausenlosigkeit“. Insbesondere Mütter seien dabei dem Druck ausgesetzt, alles perfekt zu machen – wobei Mutterschaft in unserer Gesellschaft einerseits idealisiert, die Arbeit der Mütter andererseits aber komplett entwertet und unbezahlt eingefordert würde.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Mit der Soziologin Arlie Hochschild beschreibt sie die „Mental Load“, die Frauen in Kleinfamilien zu bewältigen haben: Selbst wenn die Hausarbeit halbwegs gerecht aufgeteilt ist, kümmern sie sich im Hintergrund oft um Arzttermine, Geburtstagsgeschenke, die Organisation des Babysitters. Mentale Erschöpfung entstehe oft auch, weil Frauen den Anspruch oder Wunsch haben, gleichberechtigt zu sein – und die Realität nicht diesem Selbstbild entspricht.

Wut und Erschöpfung können politisches Handeln motivieren.Foto: imago images/MASKOT

Schutzbach fordert eine Abkehr von individualisierten Diskursen der Selbstoptimierung, Self-Care oder der in letzter Zeit so oft beschworenen Resilienz. Erschöpfung kann auch die Grundlage politischen Handelns sein, genau wie Wut und Empörung – das haben zuletzt die MeToo- und Black Lives Matter-Protesten gezeigt: „Die Verletzlichkeit ist auch eine Position der Stärke. Besonders dann, wenn aus ihr heraus kollektive politische Bewegungen und Forderungen entstehen.“

[Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen, Droemer Verlag, München 2021, 304 Seiten, 18 Euro.]

Wie wären vier Stunden Arbeitszeit pro Tag?

Sorgearbeit sei in unserem kapitalistischen System eine „dauerverfügbare weiblich konnotierte, vollkommen prestigelose Ressource“, so Schutzbach, das gesamte ökonomische System basiere auf weiblicher Ausbeutung. Neu ist diese Erkenntnis nicht, die Soziologin schließt sich zahlreichen kapitalismuskritischen Feministinnen vor ihr an, wenn sie eine andere Zeitpolitik fordert. Ihr Favorit ist die „4-in-1-Perspektive“ der Soziologin Frigga Haug: Vier Stunden Arbeitszeit, vier Stunden Haus- und Pflegearbeit, vier Stunden kulturelle Arbeit, vier Stunden politisches Engagement.

Eine solche radikale Neuorganisation der Arbeitszeit liegt natürlich in weiter Ferne. Feminist:innen, so die Soziologin, müssen sich aber nicht zwischen Reform und Revolution entscheiden. Sie können für Veränderungen im Hier und Jetzt kämpfen und gleichzeitig für eine Utopie. Denn allein eine Vision zu haben, bedeutet schon, auf dem Weg zu ihr zu sein.

RELATED ARTICLES

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here

Most Popular