HomeKulturAnna Prohaska und Lars Eidinger in „Hamlet“: Die Wasserleiche lebt - Kultur

Anna Prohaska und Lars Eidinger in „Hamlet“: Die Wasserleiche lebt – Kultur

Als die Schaubühnen-Produktion des „Hamlet“ vor einer halben Ewigkeit im Ehrenhof des Avignoner Papstpalastes Premiere feierte, scheuchte der rotzlöffelige, hyperaktive Titelheld die Zuschauerschaft reihenweise von den Sitzen. Die Aggression, der Schlamm, die Egomanie – das polarisierte. In Berlin wird der Abend immer noch gezeigt, die 250. Aufführung ist auch schon wieder sieben Jahre her. Ob Athen, Ramallah oder Zagreb: „Hamlet“ war überall. Lars Eidinger als psychopathischer Wüterich immer ganz vorne mit dabei.

Im Potsdamer Nikolaisaal ist alles anders. Hier sitzt Lars Eidinger eingangs ganz hinten am einzigen Requisit: einem Schminkspiegel. Den Rücken zum Publikum. Und auch sonst steht das Prinzip „Hamlet“ kopf. Denn es geht gar nicht um ihn, den berühmtesten Zweifler der Theatergeschichte. Es geht um die zuerst zum Lieben und dann zum Schweigen verdammte Wasserleiche an seiner Seite: Ophelia.

Die beiden Stars kennen sich schon lange

Die Idee dazu kam von der Sopranistin Anna Prohaska. Mit ihr, und unter ihrer Federführung, zeigt Eidinger ein Programm, das an seiner Unsichtbarkeit arbeitet. Eidinger, der auf großen Theaterbühnen alle an die Wand spielt oder sie, wie in „Peer Gynt“, gleich ganz für sich allein hat, wird hier bewusst zum Sidekick. Schleicht über die Bühne, als wäre er eigentlich nicht da. Bleibt im Schatten, während die Scheinwerfer sich Ophelia greifen. Anna Prohaska.

Die Sopranistin, gefeierte Opern- und Liedsängerin mit großer Lust am Kuratieren, ist in dieser Saison Artist in Residence der Kammerakademie Potsdam. Dieses Geschenk hat das Hausorchester des Nikolaisaals unter der Leitung von Antonello Manacorda sich zum 20. Geburtstag gemacht. Das Geschenk an Prohaska ist, dass sie so eine Plattform für eigene Herzensprojekte wie den Ophelia-Abend bekommt. Eidinger und Prohaska kennen sich schon lange, der gemeinsame „Ophelia“-Abend hatte vor sechs Jahren Premiere, damals noch mit Klavierbegleitung. Für die Potsdamer Wiederaufnahme wurden Arrangements für ein Streichquartett erstellt.

Nicht selten mischt sich Spott in die Interpretation

Wenn auch Wasser musikalisch und textlich allgegenwärtig ist: Von Wasserleichenhaftigkeit ist diese Ophelia meilenweit entfernt. Zwischen Brahms’ „Fünf Liedern der Ophelia“, Felix Mendelssohn Bartholdys „Schilflied“ und Hector Berlioz’ „La mort d’Ophélie“ fächert Anna Prohaska das Porträt einer Todesmutigen auf, das vor Lebendigkeit nur so flirrt. Sie lockt und träumt, begehrt und wehrt sich. So intensiv, so glasklar, so fordernd, dass sogar John Dowlands „Sorrow, stay“ am Schluss klingt, als würde es nicht Ende, sondern Anfang bedeuten.

Eigentlich immer ganz vorne dabei: Lars Eidinger.Foto: dpa/Michael Kappeler

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Nicht selten mischt sich leichter Spott in die Interpretation der von Kummer, Tod und Wahnsinn durchzogenen Texte. Mal nur in Prohaskas Blicken, mal auch stimmlich. Schon „Er ist tot, oh weh“ aus Richard Strauss’ „Drei Liedern der Ophelia“ klingt beinahe kokett, das finale „Gott sei mit Euch“ offen hämisch. Nicht Ophelia, die leidtragende Unschuld – Ophelia, die wehrhafte Spötterin.

Dünn, hingebungsvoll, am Rande seines Könnens

Und Lars Eidinger? Bleibt demütig im Schatten. „Sein oder nicht sein“ muss leider doch sein, er bringt es eingangs fast nebenbei hinter sich. Auch ein paar Hamlet-Dialoge, im Alleingang. Was zu zaghaften Lachern im Publikum führt. Und, ein tatsächliches Wagnis neben Anna Prohaska: Eidinger singt. Brechts „Lied vom ertrunkenen Mädchen“. So dünn, so hingebungsvoll und am Rande seines Könnens, dass es einem den Atem verschlagen will. Hier tastet jemand tatsächlich seine Grenzen ab.

Auf Prohaskas romantischen Mendelssohn antwortet Eidinger mit Heiner Müller. Als selbstreferenzieller Nicht- mehr-Hamlet („Ich spiele keine Rolle mehr“) – aber auch als Ophelia. Mit einer Facette, die bei Schubert, Brahms und Berlioz so nicht steht: „Mit meinen blutigen Händen zerreiße ich die Fotografien der Männer die ich geliebt habe und die mich gebraucht haben auf dem Bett auf dem Tisch auf den Stuhl auf dem Boden.“ Wer bei Anna Prohaska genau hinhört, wird auch davon schon etwas geahnt haben.

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