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Karriere an der Uni: Keiner von vielen – Wirtschaft

„Forschung, die sich nicht als exzellent bezeichnet, gibt es heute kaum mehr“, sagt Reinhold Haller. Seit zwanzig Jahren berät der studierte Pädagoge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu ihrer Karriereentwicklung und Kommunikation. In dieser Zeit hat er die Adjektive, mit denen wissenschaftliche Qualität an deutschen Unis benannt wird, stetig wachsen sehen: Genügte zu Anfang seiner Tätigkeit noch gute oder sehr gute Forschung, habe sich „exzellent“ heute so etabliert, dass in Abgrenzung dazu nun bisweilen nach „herausstechenden“ oder „einzigartigen“ Kandidaten gesucht werde.

Der Siegeszug der Exzellenz begann 2005 mit der Einführung der sogenannten Exzellenzinitiative. Das Programm von Bund und Ländern sollte deutsche Spitzenforschung international konkurrenzfähig und sichtbarer machen. Die ausgezeichneten Universitäten und Forschungseinrichtungen erhielten Förderungen in Millionenhöhe, in Berlin profitierten damals die Humboldt-Universität (HU) und die Freie Universität (FU). 2019 dann wurde der Verbund aus HU, FU, Technischer Universität (TU) und Charité in die Exzellenzstrategie, das Nachfolgeprogramm der Exzellenzinitiative, aufgenommen.

Exzellenz als Leitbegriff

Ursprünglich als Kompetenzbeschreibung weniger Spitzenuniversitäten entwickelt, hat sich „Exzellenz“ in der deutschen Wissenschaftswelt als allgemein gültige Leitkategorie etabliert. Und damit auch das Bestreben, Forschungsqualität objektiv messbar zu machen. „Die klassischen Parameter wissenschaftlicher Exzellenz sind Drittmittel und Veröffentlichungen“, erläutert Haller: „Wie viele Aufsätze habe ich in welchen Zeitschriften publiziert, wie oft wurden meine Texte von anderen Forschern und Forscherinnen zitiert? Wie viele Drittmittel habe ich eingeworben und mit welchen Partnern kooperiere ich national oder international?“

Junge Wissenschaftler richten ihr Verhalten nach diesen Parametern aus, beobachtet Wolfgang Schäffner, Professor für Wissens- und Kulturgeschichte an der HU. Seit 2012 leitet er ein interdisziplinäres Exzellenzcluster, in dem Geistes- und Naturwissenschaftler zusammenarbeiten. „Ich bekomme immer wieder mit, wie Nachwuchskräfte überlegen, in welcher Zeitschrift mit welchem Ranking sie ihre Aufsätze als Nächstes platzieren wollen – bevor sie überhaupt wissen, worüber sie schreiben“, sagt Schäffner. Ein nachvollziehbarer, aber falscher Ansatz, sagt er. Denn Wissenschaft ohne Anliegen habe keine Relevanz. Exzellenz wie er sie versteht, entstehe so nicht.

Zitationsindizes sind nicht alles

Wenn Schäffner über Stellen entscheidet, haben technische Parameter wie Zitationsindizes oder Drittmittelsummen deshalb keine übergeordnete Bedeutung. Zwar erstellt auch seine Verwaltung mit ihnen eine erste Auswahl von Kandidaten. „Wenn ich aber irgend die Zeit finde, lese ich noch einmal alle Bewerbungen quer und suche mir heraus, wessen Profil mich interessiert“, sagt er. „Ich suche spannende Ideen, Menschen, die mit Leidenschaft an ihren Themen arbeiten, auf neuen Wegen denken und für den inhaltlichen Gewinn bereit sind, auch Umwege und Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen. Das bilden Zahlen nicht ab.“

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Wie wichtig quantitative Kategorien für die wissenschaftliche Karriere sind, ist auch eine Frage des Faches. Wirtschaftswissenschaften oder Naturwissenschaften liegt ein Denken in Zahlen tendenziell näher als Historikerinnen oder Germanisten. Doch auch bei Ersteren ist Quantität nicht alles, betont Christine Ahrend, Vizepräsidentin für Forschung an der TU Berlin. „Bei Berufungen analysieren wir noch einmal die inhaltliche Qualität der wichtigsten Aufsätze: Entwickelt der oder die Kandidatin darin neue Ansätze? Beschäftigt er oder sie sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten, statt das Gleiche immer neu zu ventilieren?“

Exzellenz bezieht sich heute nicht mehr allein aufs Forschen. An den Hochschulen sind Wissenschaftler meist auch Lehrende, Lehrerfahrung und gute Bewertungen in inzwischen üblichen Lehrevaluationen ein Muss. Zudem sind Professuren Führungsjobs und erfordern Organisationstalent, soziale Kompetenz und ein Gespür für internationale Partnerschaften. Essentieller Teil einer exzellenten Wissenschaftlerpersönlichkeit sind deshalb internationale Erfahrungen, je nach Fach und Aufgabe gern außerhalb der etablierten Wege. „Ein Arbeiten im Ausland soll einen Perspektivwechsel ermöglichen. Da nützt es nicht, wenn ich in Stanford war, aber mich nie aus meiner europäisch-angloamerikanischen Komfortzone herausbewegt habe“, meint Schäffner. Internationalität muss ernst gemeint sein. Man muss dafür nicht lange im Ausland gelebt haben, aber nachweisen, dass man permanent im Austausch mit anderen Wissenschaftskulturen gearbeitet, sich an internationalen Projekten beteiligt und große internationale Konferenzen initiiert hat, sagt Ahrend. Führungskompetenz zeige man so obendrein.

Machen, wofür man sich begeistert

Der Weg in die Wissenschaft ist lang und bisweilen hart, betonen Haller, Schäffner und Ahrends gleichermaßen. Trotz Fördermitteln sind die Gelder begrenzt, auf eine Stelle kommt ein Vielfaches an Bewerbern. Und auf die ein oder andere Weise exzellent sind die meisten. Auch deshalb ist es wichtig, sich nicht von immer neuen Standards treiben zu lassen und eigene Wege zu finden, sagt Schäffner: „Wer sich begeistert für das, womit er oder sie sich beschäftigt, kann einen Enthusiasmus entwickeln, der auch über schwierige Zeiten hinweghilft.“

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