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Berufsorientierung: Und was kommt jetzt? – Wirtschaft

Mechatroniker oder Elektroingenieur? Tischlerin oder Architektin? Erzieher oder Lehrer? Rund um das Abitur tun sich viele Schüler gerade in diesem Jahr schwer damit, eine Entscheidung zu treffen. Wie soll man zwischen Lernstress und Corona herausfinden, was man mit dem Rest seines Lebens anfangen will?

„Wenn man am Anfang seines Berufslebens steht, gibt es scheinbar unendlich viele Möglichkeiten, zwischen denen man sich entscheiden muss“, sagt Nora Hansel. Sie ist Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur in Bochum. „Doch in der Realität muss man sich zu Beginn des Berufswegs oft gar nicht für einen der vielen Wege entscheiden, sondern nur für die grobe Richtung, in die man starten möchte.“ Bei der Entscheidung können folgende Fragen helfen: Welche Branchen finde ich spannend? Was genau macht mir Spaß an meinen Hobbys und Lieblingsfächern? Wo liegen meine Stärken? Welche Tätigkeiten kann ich mir gar nicht vorstellen? Möchte ich nach dem Abi sofort studieren oder etwas fernab von Prüfungen und Theorie machen?

Das Praktikum war doof – auch das ist Berufsorientierung

Oft haben Jugendliche schon während eines Schülerpraktikums erste Einblicke in die Berufswelt bekommen. „Auch wenn mir mein Praktikum nicht gefallen hat, ist es zur Orientierung nützlich“, sagt Hansel. „Was genau fand ich so furchtbar? Wie kann ich sicherstellen, dass ich in meinem späteren Job etwa auf keinen Fall so früh aufstehen muss?“

Denn natürlich spielt es nicht nur eine Rolle, mit was man sich in seinem Berufsleben beschäftigen möchte, sondern auch auf welche Art und Weise. Wer genauere Vorstellungen von Gehalt, Arbeitszeiten, Work-Life-Balance oder der Arbeitsumgebung hat, sollte abwägen, wie wichtig ihm die einzelnen Faktoren sind.

Das kann man auch auf die Suche des passenden Studiengangs an der passenden Uni übertragen. Barbara Michalk, Referatsleiterin bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), erklärt: „Natürlich kann man sich an den inhaltlichen Schwerpunkten der Hochschulen und der Studiengänge orientieren. Oft sind für Studierende aber auch sekundäre Faktoren wichtig: Wie weit weg von Zuhause will ich studieren? Will ich in einer Großstadt leben oder doch lieber in einer Kleinstadt?“

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In dieser ersten Orientierungsphase können auch Onlinetests helfen, zum Beispiel der SIT-Interessentest des HRK-Hochschulkompasses oder das Check-U-Programm der Arbeitsagentur. Der Berufspsychologische Service jeder Agentur für Arbeit bietet sowohl Berufswahltests an als auch studienfeldbezogene Tests in den Naturwissenschaften, den Ingenieurwissenschaften, Informatik, Mathematik, Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und den Philologischen Studiengängen. Ein persönliches Feedbackgespräch im Nachgang ist inklusive. Unter der Servicehotline 0800 4 5555 00 können junge Menschen mit der Bundesagentur in Kontakt treten. „Wichtig ist, dass die Ergebnisse nicht in Stein gemeißelt sind, sondern eher Vorschläge machen, in welche Richtungen es gehen könnte“, betont Hansel. Interessenten sollten darauf achten, dass Onlinetests kostenlos sind.

Wie schätze ich mich ein, wie schätzen andere mich ein?

Auch Gespräche mit der Familie und den Freunden könnten den Jugendlichen weiterhelfen. „Bei Onlinetests wird oft gefragt, wo ich selbst meine Stärken und Interessen sehe. Aber natürlich ist es auch interessant zu vergleichen, wie andere mich wahrnehmen“, sagt Michalk.

Eltern seien oft tolle Beratungspartner, weil sie ihre Kinder so gut kennen, sagt auch Berufsberaterin Hansel. „Manchmal aber muss man aufpassen, dass sie ihren Nachwuchs nicht bewusst oder unbewusst in eine falsche Richtung drängen, weil sie etwa veraltete Vorstellungen von Frauen- und Männerberufen haben.“ Wichtig sei, Meinungen zu sammeln, am Ende aber seinen eigenen Weg zu gehen.

Hat man eine Idee davon, was passen würde, kommt der zweite Schritt: der Realitätscheck. Ist die Branche, der Studiengang oder das Berufsfeld wirklich so, wie ich mir das vorstelle? „Unter normalen Bedingungen würde ich angehenden Studierenden empfehlen, sich die Hochschulen vor Ort anzuschauen und sich vielleicht auch mal in eine Vorlesung zu setzen“, sagt Michalk. Wer eine Ausbildung beginnen will, startet üblicherweise mit Praktika oder einem Freiwilligendienst, sagt Nora Hansel von der Agentur für Arbeit.

In der Coronapandemie fällt der Realitätscheck aber eher ins Wasser. Sich die Wunschuniversität oder das Wunschunternehmen von innen anzusehen, ist wegen der Coronapandemie derzeit kaum möglich. Hier heißt es, kreativ zu werden: „Man kann online ins Vorlesungsverzeichnis schauen oder sich bei YouTube Videos aus dem Fachbereich ansehen“, schlägt Barbara Michalk von der Hochschulrektorenkonferenz vor. Manche Firmen bieten trotz Pandemie Praktika an, in denen man aber jetzt vielleicht nicht den vollen Einblick in den Berufsalltag bekommt. Wer ein Gap-Year absolvieren will, sollte sich auf den Webseiten der Anbieter auf dem aktuellen Stand halten. Die Lage ändere sich ständig und so sei es gut möglich, dass Dienste oder Auslandsaufenthalte kurzfristig angeboten werden, sagt Berufsberaterin Nora Hansel. Sie findet: „Die momentane Lage ist für Abiturienten wirklich bescheiden. Ich kann aber alle nur dazu motivieren, nicht aufzugeben und das beste aus der Situation zu machen.“ dpa

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