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Arbeiten in Deutschland: Herzlich willkommen – Wirtschaft

Erst mal den Koffer abstellen und zur Ruhe kommen, so hat sich Christian Weis das vorgestellt, wenn Menschen aus dem Krieg in der Ukraine flüchten, ihr Zuhause Hals über Kopf verlassen müssen und nach einer oft gefährlichen Fahrt in Deutschland ankommen. Die Realität im Umfeld des 41-jährigen Rheinländers sieht anders aus. „Statt rumzusitzen wollen viele arbeiten, auch um sich abzulenken“, sagt der Geschäftsführer des Wirtschaftsnachrichtenportals „Business on“ am Telefon. Um zu helfen, hat Weis mit anderen Freiwilligen in eineinhalb Tagen „Job-Aid-Ukraine.com“ aufgebaut, ein Arbeitsvermittlungsportal für ukrainische Geflüchtete, das Anfang März online ging. Mehr als 6000 Stellen haben Unternehmen, vor allem aus Deutschland, aber auch aus der EU und sogar aus Doha dort bis vergangenen Mittwoch eingestellt. Mehr als 175 000 Besucher hatte die Seite bisher.

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Inzwischen stehen mehrere solcher Jobplattformen im Netz, sie heißen „Uatalents.com“ oder „Jobsforukraine.net“ und bieten Stellen für geflüchtete Ukrainer in allen Bereichen der Wirtschaft an. Das Angebot ist groß, denn groß ist auch der Bedarf an Mitarbeitern in Unternehmen, rund 1,7 Millionen Stellen sind derzeit in Deutschland unbesetzt.

Der Arbeitsmarkt braucht Zuwanderer

„Wirtschaftlich sind wir wieder auf dem Niveau vor der Pandemie. Das Fachkräfteproblem nimmt wieder an Fahrt auf“, sagt Ulrich Walwei, Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Ohne Migranten können wir den Laden hier nicht am Laufen halten“, sagt Walwei. Jahr für Jahr gehen mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt heraus als hineinkommen. Um das aktuelle Niveau an Arbeitskräften zu halten, seien 300 000 bis 400 000 Zuwanderer pro Jahr nötig. Da scheinen die ukrainischen Geflüchteten gerade recht zu kommen.

Das Willkommen jedenfalls ist groß. „Wenn diese Menschen keine kurzfristige Rückkehroption in die Ukraine sehen und es wollen, sind wir in der Lage, sie in Arbeit und Ausbildung zu vermitteln“, erklärte BA-Chef Detlef Scheele jüngst gegenüber dem Portal „The Pioneer“. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) stellt Hilfe bei der Arbeitsmarktintegration in Aussicht, den Zugang zu Integrationskursen, zu Beratungsangeboten und Sprachkursen. Soweit erforderlich soll es zur beruflichen Eingliederung Lehrgänge und Coachings geben.

Die Arbeitgeber öffnen ihre Türen

„Das Handwerk ist offen, diese Menschen aufzunehmen und sie in die Betriebe zu integrieren“, erklärt der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer. „Wenn das Thema Arbeitsmarktintegration ansteht, werden die Arbeitgeber ihren Beitrag zur Integration in den Arbeitsmarkt leisten“, sagt der Geschäftsführer der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Stefan Kampeter. Die ersten Jobs sind längst vermittelt.

Den Weg frei gemacht für eine unbürokratische Arbeitsaufnahme hat die EU mit der Anwendung der „Massenzustromrichtlinie“. Dadurch ist es ukrainischen Geflüchteten für bis zu drei Jahre möglich, in der EU angestellt zu werden oder selbständig zu arbeiten; sie haben ferner Anspruch auf Unterbringung und staatliche Unterstützung.

„Die EU hat offenbar aus einem zentralen Fehler gelernt und schottet Geflüchtete jetzt nicht mehr wie bisher vom Arbeitsmarkt ab“, sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz. Dadurch seien die Menschen in der Lage, sich durch eigene Erwerbsarbeit zu finanzieren. Auch die soziale Integration werde so erheblich gefördert.

Nicht zum ersten Mal kommen Geflüchtete aus der Ukraine

Doch was bringen die Menschen mit, die jetzt ins Land kommen? Wie realistisch ist es, dass sie hier Jobs annehmen? Drei Millionen Ukrainer haben das Land seit Kriegsbeginn verlassen, mehr als 160 000 sind in Deutschland registriert. Tatsächlich dürften es noch mehr sein.

IAB-Leiter Walwei geht davon aus, dass sie sich gut integrieren werden in die Jobwelt, so wie die Menschen aus Osteuropa und der Ukraine, die bereits vor dem Krieg nach Deutschland kamen, im Zuge des Niedergangs der Sowjetunion und des Warschauer Pakts, oder 2014 nach der Krimbesetzung. Die Menschen brächten ein hohes Bildungsniveau mit. „Vieles, was bei uns eine Berufsausbildung ist, entspricht dort einem Studium. Vor allem im gewerblichen, handwerklichen Bereich, im Handwerk und im Bau, sind Ukrainer sehr qualifiziert“, sagt er. Da es vor allem Frauen mit Kindern sind, die kommen, bedürfe es einer gewissen Infrastruktur zur Kinderbetreuung, um den Müttern das Arbeiten zu ermöglichen.

Arbeitsschutz und Mindestlohn müssen kontrolliert werden

Dass die geflüchteten Menschen von Arbeitgebern und Politikern als eine kurzfristige Lösung gesehen werden, den Fachkräftemangel zu verringern, hält der Sozialwissenschaftler Sell für naiv. Aus bisherigen Erfahrungen seien mangelnde Sprachkenntnisse ein großes Problem bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt, außerdem würden spezifische Qualifikationen gesucht, die eher wenige Geflüchtete mitbringen dürften.

Der Wissenschaftler befürchtet, dass gerade Unternehmen aus dem Niedriglohnsektor versuchen könnten, unter den Geflüchteten günstige Mitarbeiter:innen zu gewinnen, für die 24-Stunden–Pflege, die Reinigungsbranche oder Jobs in der Gastronomie. Arbeitsschutz werde in manchen Firmen unterlaufen, staatliche Kontrollen, die das unterbinden, gebe es kaum. Das müsse sich dringend ändern.

Integriert in Berlin oder Wiederaufbau in der Ukraine

Sell sieht noch ein anderes Problem: Eigentlich hofften viele der Menschen, in ein paar Wochen wieder zu Hause zu sein. „Werden sie in den hiesigen Arbeitsmarkt integriert, ist das aber nur auf längere Sicht ökonomisch und sozial sinnvoll“, sagt er. Und entschieden sich die Menschen irgendwann tatsächlich, dauerhaft zu bleiben, und holten womöglich Familienmitglieder nach, würden sie zwar vielleicht wirklich unseren Fachkräftemangel etwas reduzieren, fehlten aber dann in der Ukraine für den Wiederaufbau. Der Sozialwissenschaftler nennt das ein „nicht lösbares Dilemma“.

Was langfristig aus dem Portal Job- Aid-Ukraine werden soll, weiß Christian Weis noch nicht. „Wir schauen uns an, was passiert“, sagt er. Geflüchtete integrieren, sei ein dauerhaftes Thema. Da mache es wohl Sinn, die Seite weiter online zu lassen.

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