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Fast ein Jahrhundert voll Kostbarkeiten

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Alte Schweden, alles nur konservativ-kantige Limousinen und langweilige Kombis? Bei einem Schönheitswettbewerb zeigte Volvo jüngst, dass die Skandinavier höchst unterschiedliche Designjuwelen hervorgebracht haben.

Dieses Jubiläum war Volvo einen Schönheitswettbewerb wert: Vor 95 Jahren rollte auf der Insel Hisingen bei Göteborg der erste Volvo ÖV 4 „Jakob“ vom Band. Ein konservativer Tourenwagen, der nicht erahnen ließ, wie rasch schwedische Stromlinien, Amazonen, Sportcoupés und Kombis weltweites Aufsehen erregen würden. In Deutschland kam Volvo eher mühsam zuerst in Frankfurt und ab 1965 vom benachbarten Dietzenbach aus in Fahrt. Gerade erst hat Volvo den Standort Dietzenbach in neue skandinavische anmutende Architektur gekleidet. Und so traf sich hier nun die Volvo-Community, um die Marke zu feiern, die für die meisten Deutschen ein Stück sorgenfreie Schwedenwelt verkörpert – etwa so wie Ikea, Bullerbü oder Abba. Ein Image, das Volvo nicht nur mit zuverlässigen und sicheren Autos aufgebaut hat, sondern auch via ikonischer Formensprache. Einen typischen Volvo erkennen fast alle und doch kennen nicht alle jeden Volvo, wie der Beauty-Contest „95 Jahre Volvo“ zeigte.

Nicht langweilig, aber speziell

Ein Volvo PV 444 Buckelvolvo bei „95 Jahre Volvo“ in Dietzenbach.

(Foto: autodrom)

Wenn es eine deutsche Region gibt, in dem die Geschichte der schwedischen Automobilkultur lebendig ist, dann ist dies der Raum Frankfurt. Nicht nur die frühere Marke Saab hatte hier ihr Hauptquartier, auch Volvo nutzte die Metropolregion am Main, um erst US-Armeeangehörige und dann Deutsche für „Family Sports Cars“ wie Buckel-Volvo PV 444 und Amazon zu begeistern. Unter dem eingängigen Slogan „Sicherheit aus Schwedenstahl“ waren es später kantige 140er, 240er, 740, 940 und 850 Kombis, die als bester Freund von Familien Kultstatus erlangten.

Den großen Brückenschlag in Gegenwart und Zukunft setzte Volvo mit SUV vom XC90 bis zum elektrischen XC40, die ihren Verkaufserfolg nicht zuletzt ebenfalls ihrer markanten Verpackung verdanken. Denn tatsächlich ist es von Beginn auch das unverwechselbare Design gewesen, das die eher hochpreisig positionierten Schweden zu Objekten der Begierde machte. Keine Langweiler, sondern provozierende Spezialitäten Made in Göteborg, Bella Italia oder bei kleinen Karossiers, so zeigten es die von einer Jury zusammengestellten Kandidaten nun bei der Beauty-Lane „95 Jahre Volvo“.

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Ein Volvo 240 Kombi und Volvo S90 beim „Beauty-Contest 95 Jahre Volvo“.

(Foto: Volvo)

Aus der Vorkriegsära, die flamboyante Airstream-Typen wie den Volvo PV 36 Carioca hervorbrachte, hatte es kein Modell ins Concours-Finale geschafft, dafür gleich mehrere Exemplare der ersten schwedischen Volksfahrzeuge Volvo PV 444/PV 544. Schließlich war es das durch US-Modelle inspirierte, bucklige Fastback, das die Marke Volvo weltweit bekannt machte. Unter dem stromlinienförmigen Blechkleid: Fast unzerstörbare Robustheit, gepaart mit Sicherheitstechnik, so wie sie auch den 1956 eingeführten Volvo P120/P130 Amazon prägte. Gezeichnet wurden die Linien der Amazonen vom legendären Designer Jan Wilsgaard, der feine Elemente italienischer Designkultur mit skandinavischen Konturen vereinte.

Ein Auto für die Stars

Mit einer Italien-Connection begann auch die Geschichte des Sportcoupés P 1800: Der schwedische Nachwuchsdesigner Pelle Petterson entwarf den glamourösen Zweitürer ab 1957 in den italienischen Designateliers von Frua und dies mit zeitgeistigen Finnen am Heck als Referenz an das damals beginnende Raketenzeitalter. Der schwedische König Carl XVI. Gustaf fuhr dieses Coupé ebenso gerne wie Filmstar Roger Moore, der damit in der TV-Serie „The Saint“ (dt. Simon Templar) gegen das Böse kämpfte. So überraschte es nicht, dass diese Markenikone jetzt den Beauty-Concours in der Altersklasse bis 1975 gewann.

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Ein Volvo 1800 ES „Schneewittchensarg“ und P 1800.

(Foto: autodrom)

Dies knapp vor dem Volvo 1800 ES, der 1971 als Evolution des P 1800 debütierte. Dank großer gläserner Heckklappe wurde der in atemberaubenden Linien entworfene Shootingbrake 1800 ES unter dem Namen „Schneewittchensarg“ berühmt. Begehren auszulösen, das war 1996 auch die Mission des heute schon fast vergessenen Volvo C70 Coupé. Schließlich sollte dieses von einem jungen, globalen Designteam gezeichnete Juwel die Ära der „Flying Bricks“ beenden, also die letzten kantigen Ziegelsteine der Baureihen 850, 900, S/V70 und S/V90 in den Ruhestand schicken und Volvo fürs 21. Jahrhundert in dynamische Form bringen.

Extravaganter Solair

Jury und Publikum der 95-Jahre-Volvo-Beauty-Lane zu faszinieren vermochten jedoch auch einige Spezialitäten der kastenförmigen Volvo-Ära. So überraschte der 1977 vorgestellte 262 C als Coupé mit einem einzigartig flachen Dachaufbau. Gebaut wurde dieser Zweitürer in kleiner Serie bei Bertone, das Design hatte Jan Wilsgaard realisiert nach Entwürfen von Sergio Coggiola. Sogar eines von nur fünf gebauten 262 C Solaire Cabriolets war in Dietzenbach zu bewundern. Der in Kalifornien beheimatete Karossier Solaire hatte den 262 C auf Wunsch von Volvo für Nordamerika geöffnet, aber Bedenken bezüglich der Crashsicherheit beendeten die Produktion. Beim 95-Jahre-Volvo-Concours genügte die gewagte Extravaganz des Solaire aber für Platz zwei unter den nach 1975 gebauten Schönheiten der Marke.

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Der 940 ist ein typischer Vertreter der besonders kantigen Design-Ära von Volvo.

(Foto: Volvo)

Immerhin gut 8000 Einheiten baute die Carrozzeria Bertone ab 1985 vom Volvo 780: Statt furioser Vmax wie die Konkurrenz, zeigte dieses kostspielige Coupé ein serienmäßig luxuriöses Interieur, dessen noble Anmutung erst vom 1997 aufgelegten Volvo S90 Royale getoppt wurde. Königlicher und zugleich dezenter als in dieser um 15 Zentimeter verlängerten Limousine ließ es sich damals nicht reisen, wie auch die schwedischen Royals wussten. Wohl aber schneller, denn dafür standen rasante Fünfzylinder-Turbo-Kombis à la 850 T-5R, die süddeutschen Eilfrachtern ihr Heck aus kantigem Bohus-Granit zeigten.

Tatsächlich waren es die Volvo-Kombis, die auch beim 95-Jahre-Concours durch ihre messerscharfen Linien am nachhaltigsten begeisterten. Vielleicht, weil diese Laderiesen sentimentale Bilder an längst vergangene Ferienreisen wecken und an TV-Schmonzetten und Nordic-Noir-Krimis erinnern, die nicht ohne Volvo-Kombi auskamen. So war für die aus Fachleuten besetzte Jury ein trotz sechsstelligen Kilometerzählerstands fabrikneu aussehender fünftüriger 940 Classic das Volvo-Traumauto schlechthin – der wohlverdiente Sieg unter den nach 1975 gebauten Schweden, wie der Beifall des Publikums bestätigte.

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